Sonntag, 13. Mai 2012

"Faust I + II" vom Thalia-Theater beim Theatertreffen

Die Frage der Länge bewegt beim diesjährigen Berliner Theatertreffen Männer und Frauen. Die Männer wetteifern vor allem, wer die längste Aufführung zustande bekommen hat. Der Regisseur Nicolas Stemann musste demütig anerkennen, dass seine „Faust“-Inszenierung mit lächerlichen 8 Stunden und 15 Minuten nicht einmal ansatzweise in die riesenhaft erigierte Dimension von Vegard Vinges gut zwölfstündigem „John Gabriel Borkman“ vorstößt. Dafür waren bei der Premiere des Gastspiels vom Hamburger Thalia-Theater im Festspielhaus aber zum Schluss auch noch deutlich mehr Zuschauer anwesen als bei Vinges-Ibsen-Marathon im Prater, wo notorisch um sechs Uhr früh nur noch 30 Menschen ausharren.

Die Frauen plagen sich auch mit der Länge. Und zwar mit derjenigen ihrer Mikrophonkabel. Beim Theatertreffen ist nämlich ein Comeback des guten alten Rockstar-Mikrophons zu beobachten. Sowohl Jana Schulz in ihre Hosenrolle als „Macbeth“ als auch Patrycia Ziolkowska als Gretchen plagen sich damit herum. Ein merkwürdiger Retrotrend. Offenbar waren den jeweiligen Regisseuren die heute üblichen drahtlosen Mikrophone einfach nicht phallisch und stylisch genug. Das Wort „plagen“ ist bei Frau Ziolkowska besonders angebracht: Mitten in ihrem langem Monolog, in dem sie nicht nur den Text des Gretchens, sondern auch den des Dr. Faust, des Bruders Valentin und der Marthe Schwerdtlein sprach, riss offenbar das Kabel aus der Lautsprecheranlage. Nachdem sie minutenlang demonstrativ auf das stumme Mikrophon geklopft hatte, wurde Frau Ziolkowksa von einem stummen Lemuren aus der Seitenbühne heraus ein neues gereicht. Dafür gab es Szenenbeifall.

Zum Beifall gab es auch sonst reichlich Anlass, bei dieser zur Salzburger Premiere im vorigen Sommer keineswegs unumstrittenen Aufführung. Neben dem Sarah-Kane-Dreierpack aus München und Vinges außergewöhlicher Ibsen-Schändung war „Faust“ bisher ganz klar einer der Höhepunkte des Theatertreffens. Und das von einem Regisseur, der mit seinen letzten Inszenierungen allzu oft den Eindruck vermittelte, er habe die Lust an seinem Handwerk verloren und würde am liebsten nur noch Musiker sein.

Jetzt kann ich es ja zugeben: Ich bin gar nicht so ein großer Fan der viel gepriesenen Jelinek-Uraufführungen gewesen, mit denen Stemann im vergangenen Jahrzehnt regelmäßig zum Theatertreffen eingeladen wurde. Mir hat es immer schon viel besser gefallen, wenn dieser Regisseur Klassiker inszeniert. Gerade weil er eben oft nicht die Texte selbst inszeniert, sondern Fußnoten und Kommentare zu ihnen. Das vertragen die Klassiker besser als Jelinek – mit Ausnahme des „Don Carlos“, den hat Stemann einmal im Deutschen Theater total an die Wand gefahren, aber sein „Käthchen von Heilbronn“ am gleichen Ort war Klassen besser als das neue von Andreas Kriegenburg.

Der „Faust“ eignet sich für diesen Regiestil offenbar besonders gut. Möglicherweise weil der Text sich ohnehin – erst recht im zweiten Teil – ständig sich selbst kommentiert. Beim Blick ins Programmheft kurz vor Beginn der Aufführung um halb vier ist man zwar zunächst genervt: Schon wieder sollen alle Rollen von nur sechs Schauspielern gespielt werden. Man macht sich gefasst darauf, wieder mal nicht unterscheiden zu können, ob gerade der Kaiser oder Homunkulus spricht.

Und dann geschieht das achtstündige Wunder: Man blickt klar durch und versteht den Text besser als bei jeder minutiösen Verfaustung, bei der noch die kleinste Nebenfigur der klassischen Walpurgisnacht mit einer erstrangigen Fachkraft besetzt ist. Zwar wird vor allem im zweiten Teil auch allerhand Unfug getrieben, aber Stemann, der als Moderator jeweils nach den insgesamt vier Pausen dem Publikum kurz erläutert, wie’s nun weitergeht, wies zu Recht darauf hin, dass der Unfug zum Teil wohl auch von Goethe selbst intendiert sei. Im Programmheft wird er mit den schönen Sätzen zitiert: „Ich habe den Eindruck, er hat auch eine diebische Freude daran gehabt, der Nachwelt diese unlösbare Rätselaufgabe zu hinterlassen. Den Rest überlasse ich der Nachwelt, weil ich Goethe bin und es gar nicht nötig habe, mich ins Bockshorn jagen zu lassen.“

Die Nachwelt hat – zumindest an diesem Abend die Aufgabe glänzend gelöst. Den Faust spielt (meistens) Sebastian Rudolph. Den Mephisto (erkennbar an den roten Partyhörnchen, die sich der jeweilige Darsteller überstreift) überwiegend Philipp Hochmair, Josef Ostendorf und Barbara Nüsse – die auch als Geheimrat Goethe auftritt und angekündigt, man werde nun „Faust II, ungestrichen“ aufführen. Am Ende singt der famos stimmbegabte Ostendorf im Kostüm eines dicken Engelchens „Das Unbeschreibliche – hier wird’s Ereignis“ als Gospelsong. Nicht nur das Ewigweibliche zieht uns hinan: Auch das ewig Goethische hat den Regisseur Stemann, den man schon gerade ein bisschen abhaken wollte, eindeutig hinangezogen.

Mittwoch, 9. Mai 2012

"Macbeth" von den Münchner Kammerspielen beim Theatertreffen

Ist das Kunst oder kackt das echt? Die Frage, die sich bei vielen fäkal-metaphorischen Regietheateraufführungen stellt, bekommt beim Theatertreffen einen ganz konkreten Sinn: Das wilde Vogelgezwitscher aus den Kastanienbäumen vor dem Festspielhaus wirkt einerseits enorm belebt, so dass man denkt: Die müssen da oben aber eine wirklich gute Party haben? Andererseits möchte man doch aus Sorge um den guten Anzug lieber nicht unter einem Baum stehen, in dem sich so viele Vögel amüsieren. Und schon gar nicht möchte man sein Fahrrad darunter abstellen. Nach allem, was zu erfahren war, soll es sich aber wohl um eine Art Soundinstallation handeln. Keine Ahnung, was uns der Künstler damit sagen will.

Zu „Macbeth“ passt das Vogelgrauen allerdings ganz gut. Die Hexen, die gleich zu Beginn dem Titelhelden wahrsagen, dass er König wird, sind (so schreibt der große deutsche Shakespeare-Forscher Walter Naumann) Stimmen aus dem „außermenschlichen Bereich“ – wie die Vögel. In Karin Henkels Inszenierung aus den Münchner Kammerspielen sind sie einfach nur drei albernen Gestalten in Tanzkleidern – darunter ein Mann.

Damit ist der Erniedrigungshorizont für die folgenden zwei Stunden vorgegeben: Die Regisseurin macht mit Macbeth, was mittelmäßige Gegenwartsregisseure immer mit überlebensgroßen Dramengestalten tun: Sie legt ihn unter die Guillotine ihres Flachsinns und kürzt ihn um ein paar Köpfe, bis er in die niedrigste Schublade passt. Auf den kleinen Schrumpfschädel der dann noch übrig bleibt, passt die schottische Königskrone nicht mehr.

Dass diese usurpierte Kopfbedeckung Macbeth (Jana Schulz in einer Hosenrolle) ständig über in die Stirn rutscht, soll im Rahmen der Inszenierung natürlich hochsymbolisch sein, denn mehr geistiger Gehalt als die Idee, dass Macbeth total überfordert ist, liegt der Aufführung nicht zu Grunde. Jana Schulz, die bei besseren Regisseuren an besseren Tagen sehr toll sein, kann wirkt hier folgerichtig höchstens wie ein androgyner Teenager in der Identitätskrise.

Gespielt werden alle Rollen von nur vier Schauspielern, wobei sich Katja Bürkle, Stefan Merki und Benny Claessens die Nebenrollen teilen. Bürkle spielt unter anderem die Lady, Claessens den Banquo. Wegen des holländisch-britisch-schweizerischen Hintergrunds der Darsteller wird auch in den verschiedenen Landessprachen geredet. Das führt aber nur zu dem Paradoxon, das man in vier Sprachen nichts versteht. Der Handlung kann man schon nach der ersten Viertelstunde nicht mehr folgen – zum Glück weiß man ja noch ungefähr, worum’s geht. Das alles soll wohl fantasieanregendes „armes Theater“ sein. Aber es ist nur armselig.

Nicht nur, weil die Erinnerung an den großartigen Düsseldorfer „Macbeth“ von Jürgen Gosch noch so frisch ist, fragt man sich zwei Stunden lang, was denn die Jury an dieser dilettantischen Kleinigkeit um Himmels Willen „bemerkenswert“ fand. Aber ich merke, dass ich jetzt schon mehr Gedanken an diese Aufführung verschwendet habe, als die Regisseurin. Was für ein erbärmlicher Rotz!

Samstag, 5. Mai 2012

"Gesäubert/Gier/4.48 Psychose" von den Münchner Kammerspielen beim Theatertreffen

Das Berliner Theatertreffen 2012  ist das längste aller Zeiten. Sieht man einmal von 2009 ab, als eine Dauerperformance des Duos Signa gewissermaßen die ganze Zeit ununterbrochen rund um die Uhr lief. Aber diese Performance konnte man auch, wenn man wollte für nur eine Viertelstunde, anschauen. In diesem Jahr muss man, wenn man wirklich alles gesehen haben will, gut 30 Stunden ausharren – ein siebenstündiger "Faust" aus Hamburg und eine zwölfstündiger "John Gabriel Borkman" aus Berlin ziehen das Festival gewaltig in die Länge.

Zwar hatte es auch früher schon solche Mammutinszenierungen gegeben – 1998 ein neunstündiges "Sportstück" von Einar Schleef und Elfriede Jelinek (die längst Aufführung dieses Stückes aller Zeiten, denn im Wiener Burgtheater wachte stets die Gewerkschaft darüber, dass um Mitternacht Schluss war) und 2000 "Schlachten!", eine zwölfstündige Fassung sämtlicher Rosenkriege-Königsdramen von Shakespeare, – aber diesmal häuft es sich doch unübersehbar.

Zwar hatte die Auftaktinszenierung, die das Treffen eröffnete, mit dreieinhalb Stunden noch eine ganz normale Theaterzeit – doch für manche war schon das zu viel: Wer sich während der Sarah-Kane-Trilogie "Gesäubert/Gier/Psychose" von den Münchner Kammerspielen mal im Saal umsah, entdeckte eine Menge Gesichter mit geschlossenen Augen. Neben mir saß eine reizende alte Dame mit tiefschwarz gefärbten Haaren, die bestimmt zwei Drittel der Show verschlief.

Die Grenze zwischen Schlafenden und Wachenden verlief, so weit erkennbar, zwischen den Theaterprofis, die staunend wach blieben, und den eher aus politischen oder gesellschaftlichen Gründen gekommenen Besuchern, die ein bisschen überfordert waren von dem harten Brot, das der Münchner Intendant Johan Simons als Regisseur da aufgebacken hatten. Denn toll und beeindruckend war es schon. Nur eben auch ziemlich düster und anstrengend. Und obendrein war es im Saal des Festspielhauses drückend warm. Sehr willkommen kam kurz vor der Pause, gegen Ende von "Gier", ein künstlicher Sprühregen, der auf die Bühne niederging und von dem ein kühler Hauch ins Parkett geweht wurde.

Von den drei Stücken hat nur "Gesäubert" so etwas wie eine Handlung: In der Klinik des Horrorarztes Tinker (Annette Paulmann), der offenbar nichts anderes kann, als Menschen die Glieder zu amputieren, kämpfen die Insassen um ihre Liebe. Bei Simons wurde daraus ein Kinderspiel, das die Brutalität des Textes noch stärker hervortreten ließ. "Gier" ist ein Quartett von vier mit Buchstaben gekennzeichneten Stimmen – in Simons‘ Inszenierung hat es paradoxerweise trotz des finsteren Inhalts den leichten Ton einer Gesellschaftskomödie.

In "4.48 Psychose", das erst nach dem frühen Tode von Sarah Kane aufgeführt wurde (sie beginn 1999 Selbstmord), verarbeitet die Autorin ihre Erfahrungen in der Psychiatrie, wo man vergeblich versucht hatte, sie von ihren Depressionen zu kurieren. Beim Regisseur Simons wurde das eine Rezitation mit Musik und fantastischen Schauspielern (Sandra Hüller und Thomas Schmauser), eine Art Requiem für die tote Dichterin.

Begonnen hatte es mit dem derzeit in Berlin unvermeidlichen Auftritt eines protestierenden Studenten der Ernst-Busch-Schauspielschule. Im Gegensatz zum Eklat bei Günter Jauch  am Sonntagabend ging alles friedlich zu: Der Festspiel-Intendant Thomas Oberender hatte dem jungen Mann eine Minute Redezeit eingeräumt, bevor er selber das Wort ergriff und eine (an diesem Ort) ungewöhnlich kluge Rede über die Situation des deutschen Theaters hielt. Es gab heftigen Solidaritätsbeifall für den Studenten.

Auch Kulturstaatsminister Bernd Neumann (CDU) wünschte den Busch-Schülern Erfolg. Die wütenden Diskussionen mit dem Regierenden Bürgermeister Klaus Wowereit, dessen SPD/CDU-Koalition die Protestierenden als verantwortlich für die Verzögerung bzw. Absage des Schauspielschulen-Neubaus betrachten, hatten sich bereits vorher draußen abgespielt – da musste drinnen nicht mehr geschrien werden.

Das Theatertreffen begann also mitten im Leben – und doch ging es vor allem um den Tod. Weil die drei Kane-Stücke mit englischen Übertiteln gespielt wurden, fiel besonders auf, wie schlecht sie teilweise übersetzt sind. Nicht nur bei "Gesäubert", das Peter Zadek und seine Frau Elisabeth Plessen übertragen hatten – da erwartet man ja gar nichts anderes als das reine Übersetzungsgrauen. Sondern auch bei "Psychose 4.48", dessen sich immerhin ein hochkarätiger Dichter wie Durs Grünbein angenommen hatte. Von dem Rhythmus und dem Klang, an dem Kane lange feilte, ist im deutschen Text wenig zu spüren.

Und die religiöse Metaphorik der jungen Frau, die in eine sehr fromme Familie geboren worden war, ging ebenfalls an einigen Stellen verloren. Etwa dort, wo es im englischen Texte heißt "proselytemetosanity" – im Deutschen steht dann, jemand solle zur Gesundheit "bewegt" werden, wo "bekehrt" doch wirklich treffender gewesen wäre.