Dienstag, 30. April 2013

"Die Brüder Karamasow" im Thalia-Theater Hamburg

Wenn Gott tatsächlich in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts gestorben ist – so wie es Friedrich Nietzsche zu Ohren gekommen war –, dann könnte die Todesursache chronische Erschöpfung gewesen sein. Zumindest im Russland der Epoche ist er nämlich ein wenig überstrapaziert worden. Glaubt man den Romanen Fjodor Dostojewskis, dann war das ganze Land damals ein riesiger Kindergarten voller sprunghafter schwer Erziehbarer, die mitten in der größten Sünde anfallartig beschlossen, sich nun Gott an den Hals zu werfen – nur um sich fünf Minuten später gleich wieder in eine noch größere Sünde zu stürzen. Kein Wunder, dass der Herr sich danach erst mal komplett zurückgezogen hat und die erste atheistische Diktatur der Welt zuließ.

Was Gott so stresste, ist für Unbeteiligte allerdings hochkomisch, und es gehört zu den nicht wenigen Vorzügen von Luk Percevals Inszenierung „Die Brüder Karamasow“ im Hamburger Thalia-Theater, dass sie die Komik des Buches bewahrt und bühnenwirksam macht. Diese Komik hat man lange übersehen, dabei ist sie doch sogar noch in der Hollywoodversion von 1958 spürbar. Nun ja, vielleicht ist sie sogar vergrößert worden dadurch, dass Maria Schell die erotische Verheißung Gruschenka spielte, der junge William Shatner den Klosternovizen Alexej Karamasow („Der Himmel – unendliche Weiten“) und Yul Brunner den mit seinem eigenen Vater um Gruschenkas Gunst konkurrierende Soldatenbruder Dimitri.

Wie Brunner hat auch der Thalia-Dimitri Bernd Grawert eine prachtvoll virile Glatze. Das passt gut, weil es ihn ein bisschen von seinen üppig gescheitelten Brüdern Alexej (Alexander Simon) und Iwan (Jens Harzer) abhebt. Er ist ja der Älteste und hat eine andere Mutter, möglicherweise hat die ihm das Haarausfall-Gen vererbt. Vom Vater Fjodor kann er es jedenfalls nicht haben, denn dieser hat, obwohl er auch im reifen Alter noch bis an die Haarwurzeln mit dem zugleich geil und kahl machenden Testosteron angefüllt ist, keinerlei Neigung zur Glatze. Ihn spielt Burghart Klaußner. Wieder mal eine Vaterrolle für ihn – wie in ungezählten deutschen Filmen von „Goodbye Lenin“ bis „Das weiße Band“.

Diese Familie, in der allen drei Söhnen der hurende, gierige und geschwätzige Vater mindestens peinlich, wenn nicht gar verhasst ist, wird komplettiert vom Diener Smerdjakow, einem weiteren Bruder, den Fjodor Karamasow mit einer geistig Behinderten gezeugt hat. Smerdjakow hat nicht viel zu sagen, bevor er sich am Schluss als Vatermörder outet.

Also besteht die Aufgabe des Schauspielers Rafael Stachowiak über weite Strecken vor allem darin, anwesend zu sein und mit seinem aus Missgunst, Hochmut und Wanhsinn gemischten Blick zu signalisieren, dass von ihm tatsächlich eine Tat und damit Unheil droht, während seine Halbbrüder nur reden. Das gelingt ihm hervorragend.

Das Bühnenbild von Annette Kurz ist ein riesiges Glockenspiel. Melodisch gestimmte Metallröhren hängen an Stahlseilen vom Bühnenhimmel herab und geben bei jeder Berührung die wundersamsten Klänge von sich. Dazu liegt noch eine fast mannsgroße Glocke auf dem Boden herum. Dem Ruf der Glocken folgen die Karamasows ja immer auf die eine oder andere Weise: Entweder zieht es sie zur Kirche oder zu jenen sekundären weiblichen Geschlechtsmerkmalen, die in der derben Umgangssprache ebenfalls Glocken genannt werden.

Von solchen Anwandlungen ist selbst der Heiligkeit anstrebende Alexej nicht frei. „Ich bin doch auch ein Karamasow“ sagt er einmal und man ahnt, was er meint, als Alexander Simon in den Ausschnitt der sich auf seinen Schoß drängenden Gruschenka guckt wie in einen metaphysischen Abgrund.

Die Frauen sind das bewegende Element der Handlung. Gruschenka sieht aus, als hätten zwei Oligarchen sie sich an ihren goldenen Telefonen ausgedacht, und wird von Patrycia Ziolkowska als ein ebenso nervtötendes wie sinnbetörendes Russenweib aus dem Dostojewski-Bilderbuch gespielt. Konträr dazu verleiht Alicia Aumüller der Katerina, die von Dimitri verschmäht und vom Intellektuellen Iwan vergeblich begehrt wird, die Erotik einer beleidigten höheren Tochter. Da sieht man, dass in jedem echten russischen Gesellschaftsdämchen auch eine Französin steckt.

Dann ist da noch die junge Lise, die sich dem geliebten Aljoscha mit der ganzen Verve eines im Rollstuhl nach Zärtlichkeit und Idealen zugleich dürstenden Teenagers aufdrängt. So wie Marina Galic und Alexander Simon das spielen, ist es ein augenöffnender Moment: Dostojewski hat wirklich eine der schönsten Liebesszenen der Weltliteratur geschrieben. Verglichen mit diesen neurotisch verknoteten Charakteren sind Romeo und Julia doch zwei eher schlichte Gemüter.

Überhaupt erbringt der Abend quasi am Fließband Beweise für die unwiderstehliche Theatralik Dostojewskis: Die gescheiterte Versöhnung zwischen den Rivalinnen Gruschenka und Katerina, der Moment, in dem Lise von Alexej ihren Liebesbrief zurückfordert oder die Gewalt, mit der Dimitri schließlich Gruschenka von ihrer angeblich großen Liebe, einem polnische Offizier erobert, – das ist ganz große Katastrophendramatik, die Perceval und die Dramaturgin Susanne Meister, da in ihrer Stückfassung aus der Epik des Russen zu Tage gefördert haben.

Um Dostojewskis Bühnenwirksamkeit wusste man zwar schon seit den großen Castorf-Inszenierungen. Aber es ist doch schön und zuweilen atemberaubend, es noch einmal auf eine ganz andere Weise zu erleben. Solche Monologe wie den des Iwan Karamasow, haben nicht viele Dramatiker im Repertoire. Zunächst konstruiert er aus dem Leid der Kinder auf der Welt einen verzweifelt negativen Gottesbeweis und dann leitet er ganz ohne großes Tamtam zur berühmtesten Legenden-Einlage der Weltliteratur, der Geschichte vom Großinquisitor, über. Im Munde des wieder einmal phänomenalen Jens Harzer wird daraus ein langer großer Theatermoment, von dem man keine Sekunde missen möchte.

Bis zur Pause lauscht man all dem gebannt, wie angenagelt. Die ersten zwei Stunden vergehen wie ein irrer berauschender Traum. Und dann zerschlägt Luk Perceval wieder einiges von dem, was er zuvor aufgebaut hat. Wenn Burghart Klausner schier endlos die Plädoyers des Anklägers und des Anwalts vorträgt, dann wird nur offenbar, dass die Kriminal- und Prozessgeschichte eigentlich das Langweiligste an „Die Brüder Karamasow“ ist. Und zunehmend ungeduldig wartet man darauf, dass die Regie noch einmal irgendwas Überraschendes und Bezauberndes mit dem Glockenspiel-Bühnenbild anfängt.

Aber nein. Es endet still verläppernd. Als hätten alle nach 240 Minuten einfach vor Erschöpfung nicht mehr weitergewusst. Oder als hätten die göttlichen Glocken ihnen am Ende einfach nur die Stunde geschlagen und sie daran erinnert, dass die Geduld der Hamburger von heute mit den Problemen der Russen von gestern langsam zu Ende geht. Etwas umstandslos kehren die Künstler daraufhin vom Olymp aufs Niveau der Hochbahn zurück, und der Zuschauer fragt sich nach diesem abrupten Sinkflug einen Moment lang, ob er mit ihnen tatsächlich dort hoch oben war. Aber es war wirklich so und diese Momente auf dem Dostojewski-Gipfel kann kein noch so lahmer Schluss mehr banalisieren.

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