Freitag, 6. September 2013

"Moby Dick" im Thalia-Theater Hamburg

Das Öl, das man aus dem fetten Fleisch getöteter Wale gewinnt, hat eine starke reinigende Kraft, erfährt man in "Moby Dick" . Niemals erstrahlten deshalb die Planken eines Schiffsdecks in so makelloser Helligkeit wie unmittelbar, nachdem die Mannschaft einen Wal erlegt, zersägt, ausgekocht und sein Blut und Fett auf dem Holz vergossen habe.

Die Bühne des Hamburger Thalia-Theaters bleibt aber auch nach dem x-ten Wal, der auf ihr geschlachtet wurde, von erhabener blickverschlingender Schwärze, denn selbstverständlich handelt es sich bei den Flüssigkeiten, die hier, wo der Regisseur Antú Romero Nunes den Roman von Herman Melville dramatisiert hat, großzügig verspritzt werden, um Wasser und Kunstblut.

Man ist manchmal geneigt, diese Künstlichkeit für Sekunden zu vergessen – so überzeugend stellt das Acht-Männer-Ensemble die Mühen einer langen Seefahrt mit einem Segelschiff und die immer neu wiederholte Plackerei beim Zerlegen eines harpunierten Pottwales dar. Die wichtigsten Requisiten ihrer pantomimischen Choreographien sind kleine Plastikflaschen, mit denen sie die erwähnten Flüssigkeiten so kunstvoll verspritzen, dass der Zuschauer vor seinem geistigen Auge die Wurfspeere, mit denen sie den Pottwal, fangen, die Lanzen, mit denen sie ihn töten, und die Sägen, mit denen sie ihn zerteilen, ebenso deutlich sieht wie das riesige Tier.

Man versteht während dieser langen Passagen wenig von dem, was die Männer reden, aber es ist egal. Man sieht ja, was passiert, und das unverständliche Gebrüll trägt nur dazu bei, die darstellerische Überzeugungskraft der Szenen zu erhöhen. In Wirklichkeit hört ja wohl auf einem Schiff in solchen Momenten auch keiner der Matrosen, was seine Kollegen ihm zurufen.

Vielmehr muss alles wie von selbst, quasi automatisch, wie hundertmal wiederholt, funktionieren. Die Fantasie, mit der der Regisseur Nunes diese Choreographien ersonnen hat und die Kraft, mit der das Ensemble sich in seine Matrosenarbeit stürzt, schaffen zusammen etwas, das zum Besondersten und Staunenswertesten gehört, das man seit Langem auf einer deutschen Bühne gesehen hat.

Nunes ist noch nicht ganz dreißig, also jünger als viele Kollegen, die in Kritikerumfragen zu Nachwuchskünstlern des Jahres gewählt werden. Dabei wird er schon seit ungefähr drei Jahren als größte junge Hoffnung, die das Theater seit langem hervorgebracht hat, gepriesen. Nun schickt er sich bereits an, den Status eines vielversprechenden Talentes hinter sich zu lassen.
In dieser Saison wird er sechs Inszenierungen in den bedeutendsten Häusern des deutschsprachigen Raums stemmen: eine weitere in Hamburg, zwei in Zürich, eine am Wiener Burgtheater und obendrein eine Oper in München – Rossinis "Guillaume Tell", nicht gerade ein kleines Kammeröperchen, sondern einer der gewaltigsten Brocken, den das Musiktheater bereit hält. Dem wohlwollenden Zuschauer schwindelt ein bisschen angesichts dieser großzügigen und hemmungslosen Talentausschüttung.

Im Hamburg ließ Nunes jetzt immerhin deutlich erkennen, dass er für Massenszenen und Choraufmärsche wie sie "Guillaume Tell" verlangt, ein Händchen hat. Am Ende, nachdem man Melvilles Matrosen und ihren fanatischen Kapitän Ahab (er wird genau wie der Erzähler Ismael von verschiedenen Darstellern gespielt) über alle sieben Weltmeere gefolgt ist und sich der Endkampf mit dem weißen Wal vor den Gestaden Japans nähert, lässt der Regisseur diese uns so vertraut gewordenen Männer einfach untertauchen.

Sie gehen ein in eine internationale Walfängergesellschaft und in die Fabelwelt jener Geschichten, die sie sich auf ihren Siegesfeiern in allen Sprachen Babels erzählen. Man sieht etwa zwei Dutzend Statisten aus aller Herren Ländern und mit vielen Hautfarben beim Feiern und beim Sich-Fürchten zu und auch das ist beeindruckend, weil es der Inszenierung zum zweiten Mal innerhalb von nur gut zwei Stunden eine ganz neue Wendung gibt.

Die erste kam, als die Männer nach vielleicht einer halben Stunde mit dem bloßen Aufsagen aufhörten und mit ihrer pantomimischen Seereise begannen. Zum Anfang hatte man noch befürchtet, es würde wieder einer dieser allzu oft gesehen Abende, bei denen Schauspieler auf einer leeren schwarzen Bühne frontal zum Publikum gewandt Textbrocken sprechen. Doch dann nahmen sie uns mit auf die schäumenden Wogen ihres Fantasiemeeres. Ein erster Höhepunkt ist die Darstellung eines Sturms, bei dem die Mannschaft an Deck und in den Wanten um ihr Schiff und ihr Leben kämpft.

Dem Eindruck, es würde nach der Exposition nur noch geschrien und auf Ausländisch gesprochen, muss entgegengetreten werden. Der Schauspieler Daniel Lommatzsch liefert Melvilles naturhistorische Erläuterungen über den Wal, die im Buch gerne mal überblättert werden, als im wahrsten Sinne des Wortes atemberaubenden Monolog. Solche Langstreckenmonologe scheinen allmählich zum Markenzeichen des Thalias zu werden, auch Jens Harzers schafft ja eine ähnliche theatersportliche Höchstleistung in "Die Brüder Karamasow".

Ganz nebenbei wird man ausgerechnet auf einer Hamburger Bühne mal wieder daran erinnert, dass Bremen wahrscheinlich die deutsche Stadt ist, die im angelsächsischen Raum nach Berlin und München am meisten zitiert wird – nicht nur wegen der Bremer Stadtmusikanten. Die nihilistischen Entführer im Filmklassiker "The Big Lebowski" sind ja ebenso aus Bremen wie der Vater von Robinson Crusoe – deshalb trägt der Schiffbrüchige einen so unenglischen Namen. Und als die Mannschaft der "Pequod" auf dem weiten Weltmeer einem Schiff voller deutscher Walfangversager begegnet, die ihre amerikanischen Kollegen um Öl für ihre Lampen bitten müssen, weil sie seit drei Jahren nichts gefangen haben, kommen diese natürlich auch aus Bremen und ihr Kapitän trägt den schönen Namen "Derick".

Diese Szene, in der die Bremer geradezu unterwürfig an Ahabs Schiff herangerudert kommen, wird sehr breit ausgespielt, im Verhältnis zu allem, was von dem dickleibigen Roman weggelassen wurde. Aber sie ist ein notwendiges Element der komischen Erleichterung in all dem metaphysischen Geraune über die Göttlichkeit des Wales und all den anstrengenden Schlachtfesten, die man sonst hört und sieht.

Dass Nunes die Notwendigkeit einer solchen Aufheiterung erkennt, ist auch ein Beweis seines Könnens. Nur dass er den Polynesier Qeequeg, Ismaels Blutsbruder, den besten Harpunenwerfer von ganz Nantucket nahezu verschwinden ließ, wird ihm keiner verzeihen, der das Buch gelesen oder auch nur den John-Huston-Film gesehen hat.

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