Samstag, 23. November 2013

"Hamlet" im Berliner Ensemble

Auch wer noch nie eine Zeile Shakespeare gelesen hat, hegt dennoch meist eine Vorstellung davon, wie Hamlet aussehen sollte. Zwar schreibt der Dichter gar nicht vor, der Dänenprinz müsse in der berühmten Szene am Grab des Narren Yorick dessen Schädel in die Hand nehmen. Aber das Stück ist doch allzu viele Male genau so gespielt worden, dass sich das Bild in die Ikonografie eingebrannt hat: Ein schwarz gekleideter Mann, der einem Schädel ins hohle Auge blickt, ist Hamlet, so sicher wie ein halb nackter Mann am Kreuz Jesus ist. Gerade weil sie zum Klischee geworden ist, wird die Schädelszene aber gerne von Regisseuren "gebrochen" oder "übersetzt" – also mit Inszenierungseinfällen verhunzt.

Leander Haußmann ist einerseits konservativ genug, den Auftritt am Grabe Yoricks geradezu klassisch zu liefern, andererseits ist er Rebell genug, das Klischee mit einem neuen starken Gegenbild zu bekämpfen: Sein Hamlet-Darsteller Christopher Nell ersticht den Polonius nicht nur, nachdem er ihn lauschend hinter dem Vorhang entdeckt und gerufen hat: "Wie? Was? Eine Ratte?" Dieser etwas überkandidelte Rattenfänger erteilt dem Polonius auch noch eine Schädelbasislektion: Nachdem Hamlet ihm zunächst den Bauch aufgeschlitzt und ihn ausgeweidet hat, dabei philosophische Betrachtungen rezitierend, öffnet er schließlich auch noch den Kopf, nimmt das Gehirn in die Hand und setzt sich an den Bühnenrand.

Im Berliner Ensemble sorgt die Metzgerhandwerksdemonstration allenfalls für leichte Unruhe. In der Hauptstadt sind auch die älteren Herrschaften, die das Stammpublikum in der von Claus Peymann geleiteten Bühne bilden, so abgebrüht, dass ein provokativ geworfenes Gehirn ihnen eher einen peinlich berührten Lacher als ein Buh entlockt. Dieser Lachimpuls wird noch verstärkt dadurch, dass Polonius wie ein Zombie blutüberströmt noch eine Weile hinter Hamlet herläuft.

Die Toten sind hier überhaupt sehr beweglich. Hamlets ermordeter Vater, der jede Nacht an den Zinnen Helsingörs spukt, um den Sohn zur Rache zu mahnen, hat sein Alleinstellungsmerkmal als lebende Leiche eingebüßt. Das dramaturgische Grundprinzip auf der bis zum Schwindelanfall dauerrotierenden Drehbühne von Johannes Schütz ist der Totentanz, zu dessen Anführern Haußmann zwei als Engel verkleidete Musiker bestimmt hat, die das blutige Geschehen auch mit Gesangseinlagen kommentieren. "He reads Montaigne", singen sie beispielsweise, als Hamlet zum ersten Mal mit einem Buch in der Hand am Hofe des Brudermörders und neuen Königs Claudius auftaucht.

Claudius selbst hält es eher mit Macchiavelli: Einmal zitiert ein gerade Ermordeter seitenlang jene Passage aus dem "Fürst", in der steht, dass ein neuer Herrscher die notwendigen Grausamkeiten gleich am Anfang begehen muss, um danach umso strahlender Milde walten lassen zu können. Offenbar hält sich der König daran: Zu Beginn der Aufführung köpft er eigenhändig den Narren und auch später sind seine Hände noch blutverschmiert vom Hinrichtungsgeschäft.

Der heute vor allem als Filmregisseur bekannte Leander Haußmann hat seinen Ruhm einst mit Shakespeare-Inszenierungen begründet. Sein "Sommernachtstraum" und seine "Romeo und Julia" aus den frühen Neunzigerjahren sind Legenden. Da kam dieser junge hübsche Kerl aus dem von Heiner Müller und Braunkohleabgasen gleichermaßen verdüsterten Osten und traute sich ganz unerwartet Romantik. Sein "Hamlet" nach längerer Theaterabstinenz wirkt jetzt, als wollte Haußmann zwei Jahrzehnte später nostalgisch noch ein bisschen DDR-typisches Grau und Grauen nachholen.



Man hätte es von der ersten Sekunde wissen können: Der Schriftzug "Hamlet", der auf den Vorhang projiziert wird, sieht aus, als wäre er hineingeschnitten. Mit allen Wassern und mit Blut gewaschene Popkulturnerds denken da an den Slasher-Film, ein Subgenre des Horrors.

In den Aufschlitzerfilmen gibt es immer einen psychopathisch-charismatischen Messermörder, der umrahmt ist von langweiliger menschlicher Schlitzware – und so ist es hier auch. Christopher Nell ist sehenswert, der Kontrast dieses zarten Mannes zu den schwergewichtigen Darstellungsbeamten um ihn herum (Ausnahme mal wieder: der feine Martin Seifert als Totengräber), lässt die Last nachfühlen, die auf dem Rächer wider Willen ruht. Der Rest ist Brägen.

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