Freitag, 22. November 2013

"Ekektra" im Deutschen Theater

Wahrscheinlich hat niemand mehr für die Popularisierung des griechischen Dramas getan als Sigmund Freund und Jim Morrison: Den Ödipus-Komplex kennt auch, wer nie etwas von Sophokles gehört hat, und die populärste Aufführung einer antiken Tragödie in der Neuzeit ist jene Stelle im Doors-Lied "The End", wo Morrison singt: "Vater? Ja, Sohn? Ich will dich umbringen. Mutter? Ja, Sohn? Ich will dich ... (unartikulierter Schrei)". Morrison, der von Zeitgenossen übrigens gerne mit dem Gott Dionysos verglichen wurde, hat 1967 im Plattenstudio seinen Bandkollegen erklärt, er hege keinesfalls solche Fantasien gegenüber seinen eigenen Eltern, sondern es gehe darum, ein bisschen griechisches Drama zu spielen.
 

Die antiken Klassiker müssen damals muss in der Luft gelegen haben. Im gleichen Jahr, in dem die Doors "The End" aufnahmen, sangen Nancy Sinatra und Lee Hazlewood "Some Velvet Morning" ein, wo der Ich-Erzähler von einer Frau namens Phädra in der Liebe unterrichtet wird. Die Plattenfirma der Doors hieß Elektra – mit K im Deutschen und im Griechischen.
 

Warum also nicht mal ein bisschen griechisches Drama aus dem Geist der Rockmusik spielen und die Antike mit Musik infizieren, so wie sich die Musik immer mit Antike infiziert hat, mag sich Stefan Pucher gedacht haben. Seine "Elektra" nach Sophokles findet auf einer Stufenbühne statt, die an ein Vaudeville erinnert.

Die Darsteller stehen darauf gestaffelt und fast immer mit dem Gesicht zu Publikum wie bei einem Konzert. Das Wort "Familienaufstellung" kommt einem in den Sinn. Die wie immer umwerfend schönen Kostüme von Annabelle Witt, geben den Atridenkindern Elektra (Katharina Marie Schubert) und Orestes (Felix Goeser) die Anmutung androgyner Rockstars.
 

Die Idee, die Texte des Chores singen zu lassen, ist schon fast langweilig klassisch. Das war ja auch im antiken Theater so. Nur, dass man die alten Melodien, selbst wenn man sie rekonstruieren könnte, jetzt als dissonantes Gejaule empfinden würde. Davon sind die Songs, die die Schauspieler mit Unterstützung zweier Musiker vortragen weit entfernt. Selten ist auf einer Theaterbühne so überzeugend Rockmusik hergestellt worden wie hier im Deutschen Theater Berlin.


Die Texte der Lieder stammen zum Teil von Charles Manson, den viele für eine Kultfigur halten, obwohl sich sein einst offenbar dämonisch-unwiderstehliches Charisma bei dem bärtigen Opa mit der Hakenkreuztätowierung auf der Stirn heute weitgehend verflüchtigt hat. Mansons Hippiekommune nannte sich "The Family", eine Patchworkfamilie, die es an blutrünstiger Energie mit den Atriden durchaus aufnehmen konnte. Ihre Schlächtereien – etwa an Sharon Tate, der jungen Frau von Roman Polanski – geschahen im dreifachen Rauch der Drogen, der Selbstgerechtigkeit und der Selbstinszenierung – man war ja in Hollywood. Wahrscheinlich träumten Mansons Mädchen davon, beim Töten so gut auszusehen, wie jetzt die Berliner Schauspieler in den fantastischen Gemetzelvideos von Chris Kondek, mit denen die Morde an Agamemnon und Klytaimnestra "hinter der Bühne" aber dennoch gut sichtbar visualisiert werden.


Als Geliebte und Vollstreckerinnen rekrutierte Manson junge Frauen aus der Unterschicht, die in den Morden den Hass der Bedrückten ausleben konnten – Frauen wie es Elektra in dem Stück ist. Sie lebt seit 20 Jahren als Magd eingesperrt im Hause der Mutter und ihres Geliebten, die zusammen einst den Vater umgebracht haben, als er aus dem Trojanischen Krieg heimkehrte. Dass auch der Alte, der den von Elektra geretteten Bruder Orestes im Ausland zum mitleidlosen Rächer abgerichtet hat, alt und vollbärtig ist wie der späte Manson, ist in diesem Zusammenhang ein schöner Besetzungszufall – Michael Schweighöfer sieht aber immer so aus.
 

Puchers Inszenierung ist gerade in ihrer Lässigkeit ein denkbar provozierender Gegenentwurf zur den Spielkonvention, die sich in den letzten Jahrzehnten für die griechische Tragödie durchgesetzt haben – entweder leicht archaisierend oder puristisch-abstrakt. Mit Katharina Marie Schuberts Elektra, die ihren Rachedurst teilweise ziemlich sophistisch begründet, müsste sich jedes vegane Gender-Girlie aus den Seminaren der Humbug-Universität identifizieren können. Und als ihre Mutter ist Susanne Wolff zwar wie immer königlich, doch hat sie ihrer Klytaimnestra auch einen Spritzer vitales Fischmarktweibblut injiziert. Man versteht, dass hier eine Aufsteigerin aus einer Problemfamilie ihren Status verteidigt.

Die Aufführung dauerte kaum länger als ein klassisches Doppelalbum. Sie blieb dem Text manches schuldig, beantwortete anderseits ein paar Fragen, die man sich noch nie gestellt hatte. Man möchte "Elektra" nicht immer so sehen, aber diese "Elektra" könnte man doch immer wieder sehen und erst recht hören.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen